Madagaskar: Gefahr und Verzweiflung

Präsident Rajoelina entscheidet sich für „Wundermittel“ statt Covid-19-Impfstoff

Anstatt die von der WHO zugelassenen Impfstoffe einzusetzen, empfiehlt die Regierung von Madagaskar ein pflanzliches „Wundermittel“. Trotz steigender Infektionszahlen wirbt die Regierung weiterhin für das pflanzliche Tonikum Covid Organics (CVO), obwohl es keine Beweise gibt für die Wirksamkeit bei der Vorbeugung von Covid-19 Infektionen.

Die madagassischen Behörden sagen, dass sie nicht beabsichtigen, der Bevölkerung Impfstoffe gegen Covid-19 zur Verfügung zu stellen, was eine Verletzung der Menschenrechtsverpflichtungen Madagaskars darstellt. Nach internationalem Recht hat jeder Mensch das Recht auf den besten erreichbaren Standard körperlicher und geistiger Gesundheit und das Recht, die Vorteile des wissenschaftlichen Fortschritts zu nutzen. Dies wird ausdrücklich in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, im Internationalen Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte, von der Afrikanischen Kommission für Menschen- und Völkerrechte und sogar in Madagaskars eigener Verfassung zum Ausdruck gebracht.

Das Versagen der Regierung, den Zugang zu Impfstoffen zu sichern hat viele Menschen in Verzweiflung gestürzt. Es gab ein paar Mobilisierungsversuche, darunter eine anonyme Petition, die Präsident Andry Rajoelina und den Gesundheitsminister aufforderte, Impfstoffe für diejenigen verfügbar zu machen, die sie haben wollen.

Aber meistens herrscht Schweigen, dem Klima der Angst geschuldet, das im vergangenen Jahr geschaffen wurde und das durch die zunehmende Unterdrückung kritischer Stimmen gekennzeichnet ist.

Amnesty International hat seit Beginn der Pandemie die Versuche der madagassischen Behörden dokumentiert, abweichende Stimmen zu unterdrücken, die es wagen, sich gegen den Umgang der Regierung mit Covid-19 auszusprechen. Die Behörden haben vage Gesetze benutzt, die die „Verbreitung von Fake News“, „Anstiftung zur öffentlichen Unruhe“ und „Aufstachelung zum Hass gegen die Regierung“ unter Strafe stellen, um Mitarbeiter des Gesundheitswesens, Journalisten und die allgemeine Öffentlichkeit zu bestrafen, wenn sie Informationen weitergeben oder Fragen stellen.

Es ist klar, dass diejenigen, die es wagen, ihre Meinung zu sagen, mit ernsthaften Konsequenzen rechnen müssen. Im April 2020 wurde die Journalistin Arphine Helisoa unter dem Vorwurf der Verbreitung falscher Informationen“ ins Gefängnis geschickt, als eine Online-Zeitung, die sie betrieben haben soll, das Missmanagement der Regierung bei der Pandemie kritisierte. Tage später wurde eine Fernsehmoderatorin in Untersuchungshaft geschickt, die der Verbreitung von „Fake News“ in den sozialen Netzwerken beschuldigt wurde, nachdem sie die offizielle Zahl der Covid-19-Fälle in Frage gestellt hatte.

Auch Experten des öffentlichen Gesundheitswesens wurden ins Visier genommen. Im Mai 2020 veröffentlichte die madagassische Niederlassung des weltbekannten Institut Pasteur höhere Fallzahlen als von der Regierung angegeben. Daraufhin wurde das Institut öffentlich angeprangert und durchsucht. Ärzte in Madagaskar haben versucht, Alarm zu schlagen, was die Förderung von CVO durch die Regierung angeht, aber dies geschieht unter großem Risiko für sie selbst. Ein Arzt, der sich wissenschaftlich zu den notwendigen Schritten der Regierung geäußert hatte, befindet sich derzeit im Exil, da er sich in seinem Land nicht mehr sicher fühlte.

Niemand sollte jemals daran gehindert werden, sich frei zu äußern, und während einer Pandemie ist der Zugang zu Informationen wichtiger denn je. Medizinische und wissenschaftliche Experten daran zu hindern , sich zu äußern, ist nicht nur eine Verletzung der Menschenrechte, sondern auch eine Verschwendung wertvoller Ressourcen, die dem Land helfen könnten , die Pandemie zu bekämpfen.

Die madagassischen Behörden müssen dringend ihre nationale Knebelung von Covid-19-Impfstoffen beenden und konkrete Pläne zur Beschaffung lebensrettender Impfstoffe aufstellen, gefolgt von einer soliden nationalen Impfstrategie. Alles andere wäre eine Vernachlässigung der menschenrechtlichen Pflichten durch die Regierung, mit potentiell katastrophalen Folgen und weiteren Todesopfern.

In der Zwischenzeit werden sich Millionen von Madagassen auf das pflanzliche Mittel als „Wundermittel“ zur Bekämpfung von Covid-19 verlassen müssen.

Von Tamara Leger (Beraterin von Amnesty International für Madagaskar). Veröffentlicht im Daily Maverick (englisch) und Madagascar Tribune (französich).

1. April 2021